Beiträge zur Erkenntnistheorie

Nichts ist in unseren Sinnen, bevor es in unserem Verstand war.

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Erkenntnistheoretische Prämissen

Irgendwann führt die Reflexion der Ergebnisse des eigenen wissenschaftlichen wie politischen Denkens zur der Frage: „Warum denke ich eigentlich, was ich denke?“ Was sind die Voraussetzungen, die, meist unausgesprochen und unreflektiert, dem eigenen Denken zugrunde liegen und die den Ergebnissen des eigenen Denkens erst ihren Sinn geben?
Die Beantwortung dieser Frage erfordert eine neue Form des eigenen Denkens, denn sie kann nie einen Inhalt erlangen, den man bisher als „objektiv“ zu bezeichnen gewohnt war. Die zu erreichende Antwort ist in höchstem Maße subjektiv und war zumindest bei mir mit heftigen Emotionen und Gefühlsausbrüchen begleitet.
Meine Antworten auf die Frage, warum ich in dieser oder jener Frage so und nicht anders denke, habe ich in Thesen zusammengefasst. Diese - vorläufigen - Resultate meines Denkens bilden nun die Voraussetzungen meines Denkens. Sie sind die Antwort auf die eingangs formulierte Frage nach dem „Warum?“ Wenn ich diese Prämissen ebenfalls der Frage nach dem Warum? unterziehen würde, dann hieße die Antwort: „Weil ich anders nicht denken kann.“ Hinter diesen Prämissen steht nichts mehr. In diesem Sinne bilden sie die Axiome meines wissenschaftlichen Denkens.

 I. Realität, Natur, Kultur

1.     Bewusstes, reflektierendes Denken muss mit der Frage anfangen, worüber es denkt, wovon es sich Gedanken macht. Gibt es etwas außer dem Denken, über das gedacht werden kann, oder denkt das Denken nur von sich selbst.

2.     Die Realität ist das, was es wirklich, außer dem Denken gibt und worüber gedacht wird. Eine Welt ohne Realität wäre eine solipsistische Welt.

3.     Die Realität gibt es (heute) nur in Bezug auf den Menschen, der Mensch mit der Realität wechselwirkt. Eine Realität ohne Mensch ist aber denkbar, der Mensch ohne Realität nicht.

4.     Die Realität ist also die Realität in Bezug auf den Menschen, eine Realität ohne Mensch gibt es heute nicht wirklich. Die Realität ohne Menschen ist ein Konstrukt, eine Realität ohne Menschen existiert (heute) nicht wirklich, sondern nur als Konstrukt. Dieses Konstrukt ist aber denknotwendig, wenn auch nicht evident. Ohne dieses Konstrukt können wir auch den Menschen in der Realität nicht denken. Ohne das Konstrukt einer Realität außer dem Menschen bleibt das Menschenbild solipsistisch, und ein solches Menschbild will ich nicht.

5.     Die Frage, ob es je (vor dem Menschen) eine Realität gab, kann nur durch eine Hypothese beantwortet werden. Eine Realität ohne Mensch kann nur als hypothetisches Konstrukt existieren, indem man den Menschen aus der Welt heraus denkt. Das Konstrukt „Realität ohne Mensch“ ist nicht verifizierbar, da Verifikation nur durch den Menschen erfolgen kann. Spätestens in der Verifikation muss der Mensch sich wieder in die Realität hineindenken.

6.     Folglich ist der Begriff „Natur“ auch ein Konstrukt. Real, wirklich ist nur die die menschliche Welt, die vom Menschen gemachte oder gedachte Welt. Das, worauf wir zeigen können, ist Artefakt, ist Kultur, die Natur können wir nur denken.

7.     Die Gesetze der Naturwissenschaften bilden folglich nicht die „Natur“ ab, sondern nur das, was der Mensch (z.B. der Experimentator) „gemacht“ hat. Dann denkt er sich raus aus der Tätigkeit und tut so, als ob es die Gesetze der Physik auch ohne ihn gäbe. Das aber ist nicht verifizierbar, aber denknotwendig. Tatsachen sind also im Sinne des Wortes Tat-Sachen, getane Sachen, nicht aber die Sache außer der Tat.

8.     Die Natur ist die Welt, aus welcher der Mensch „rausgerechnet“ wurde. Die Kultur ist die Welt, so wie sie wirklich (tatsächlich) existiert.

II. Das Aufsteigen ...

1.   Die Welt (Natur, Realität) hat sich entwickelt und entwickelt sich.

2.   Die Darstellung der Welt muss also am Anfang beginnen.
Wenn ich irgendwo in der Mitte anfange, brauche ich eine Setzung von außen und die Darstellung wird letztlich dezisionistisch.

3.   Der Anfang - das Ausgangskonstrukt - jeder naturwissenschaftlichen Darstellung ist also der Urknall.

4.   Die Ausgangskonstruktion meiner Darstellung ist der physikalische Körper, der durch die Hauptsätze der Thermodynamik beschrieben sind. Diese Setzung hat einen empirischen Sinn, alle tragenden Komponenten können angeschaut werden, sind Tat-Sachen. Der Urknall ist dagegen ebenso eine „Denk-Sache“ wie die Schöpfung.

5.   Das Aufsteigen ...() ist die (einzige?) Methode, mit der sich entwickelnde Sachverhalte adäquat abgebildet werden können.

Wird fortgesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zitiertes:
In seinen Maximen und Reflexionen meint Goethe: „Wir wissen von keiner Welt, als im Bezug auf den Menschen; wir wollen keine Kunst, als die ein Abdruck dieses Bezugs ist.“ - Und ich will auch keine Wissenschaft, die nicht Abbild dieses Bezugs ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zitiertes:
 „Die logische Behandlungsweise ... aber ist nichts anderes als die historische, nur entkleidet der historischen Form und der störenden Zufälligkeiten. Womit diese Geschichte anfängt, damit muss der Gedankengang ebenfalls anfangen, und sein weiterer Fortgang wird nichts sein als das Spiegelbild, in abstrakter und theoretisch konsequenter Form, des historischen Verlaufs; ein korrigiertes Spiegelbild, aber korrigiert nach Gesetzen, die der wirkliche, geschichtliche Verlauf selbst an die Hand gibt, indem jedes Moment auf den Entwicklungspunkt seiner Reife, seiner Klassizität betrachtet werden kann.“(MEW, Bd. 13, S. 475)

 

© Dr. G. Litsche 2009
Letzte Bearbeitung: 23.04.2010