Neue Paradigmen müssen her!

 

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Sozialparadigma
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Mit der paradigmatischen Situation der Biologie im System der Naturwissenschaften befasst sich auch das aktuelle "Teilprojekt Paradigmata".

Inhalt

Traditionelle Paradigmen vom Menschen
    Das Teil - Ganzes - Paradigma
    Das Umweltparadigma
    Das Gleichartigkeitsparadigma

    Resümee
Ein neues Paradigma: Das Sozialparadigma
Schlussbemerkung

Einleitung

Grundlage unseres Denkens und Handelns sind unsere Vorurteile. Sie haben sich als Ergebnis von Erziehung und Bildung herausgebildet und ermöglichen es uns,  schnell und sicher auf die Anforderungen des Lebens zu reagieren. Nur selten führen sie uns zu unerwarteten Resultaten und noch seltener veranlassen uns unerwartete Resultate dazu, unsere Vorurteile als die gedanklichen Voraussetzungen unseres Handelns zu überdenken oder gar zu revidieren. Für das tägliche Leben bleibt uns in der Regel auch nichts anderes übrig, denn wer vermag es schon, sich die wissenschaftlichen Grundlagen für alle die Entscheidungen anzueignen, die wir täglich zu fällen haben? Wir begnügen uns damit zu wissen: das ist so und das macht man so.

Problematisch ist dieses Vorgehen aber, wenn wir dieses Vorgehen zum Element wissenschaftlicher Arbeit machen. Nicht, dass wir da ohne Vorurteile auskämen – wir nennen sie hier nur anders: Paradigmen. Problematisch wird es, wenn wir diese gedanklichen Voraussetzungen auch unseres wissenschaftlichen Denkens nicht bewusst als das reflektieren, was sie sind: (noch) unbewiesene Voraussetzungen, Hypothesen, die stets in Frage zu stellen sind. Die wissenschaftlichen Paradigmen bestimmen unter anderem den Gegenstandsbereich, der von einer wissenschaftlichen Disziplin zu untersuchen ist und wird so auch zur Grundlage der Bildung wissenschaftlicher Schulen und Arbeitsrichtungen, was sich in charakteristischen Begriffsapparaten und Sprechweisen äußert.

Die Festlegung eines Arbeitsbereiches ist aber zugleich die Festlegung von Gegenstandsbereichen, die von der jeweiligen Denkrichtung nicht untersucht wird. Für diese ausgeschlossenen Gegenstandsbereiche gibt es demzufolge auch keine adäquaten Begriffe und Termini. Die logische Folge ist, dass sich wissenschaftliche Schulen nicht mehr verstehen können, weil sie über keine gemeinsame Sprache mehr verfügen, auch wenn sie einen gemeinsamen Wortvorrat benutzen. Geschichte und Gegenwart wissenschaftlichen „Meinungsstreites“ sind voll von solchen Fällen in denen man aneinander vorbei redet ohne zu reflektieren, dass man gleich Worte für unterschiedliche Begriffe verwendet.

Aber auch das Gegenteil kommt vor. Jede Schule entwickelt bewusst und vorsätzlich ein eigenes Begriffssystem und eine eigene Sprache. Ein Dialog mit anderen findet nicht statt, der wissenschaftliche „Meinungsstreit“ besteht aus einer Folge von mehr oder weniger isolierten Monologen.

Ein Grund für dieses Nebeneinander wissenschaftlicher Schulen ist die meist fehlende Einbeziehung des Evolutionsbegriffs bei der Konstruktion der Grundbegriffe, die das jeweilige Paradigma ausmachen. Das ist eigentlich nur bei creationistischen Ansätzen verständlich. Geht man jedoch von der Tatsache der Evolution aus, dann müssten folgende Thesen für alle Wissenschaften von axiomatischer Wertigkeit sein:

bulletDie Klassifikation[i] der Gegenstände ist das Resultat der Evolution.
bulletEs gibt genau eine Klassifikation der Gegenstände.
bulletDie Klassifikation der Wissenschaften spiegelt die Klassifikation der Gegenstände wider.
bulletDie Definition des Gegenstandes einer Wissenschaft ist die Darstellung seiner Herausbildung im Prozess der Evolution.

Die Annahme dieser Thesen entzieht der Auffassung, wissenschaftliche Begriffe könnten beliebig gebildet werden, den Boden. In der Wissenschaft gibt es eben nur eine Wahrheit. Beliebig und darum der Konvention bedürftig ist die Zuordnung der Ausdrücke zu Begriffen.

Nehmen wir als Beispiel die Bestimmung des Gegenstandes der Biologie, die Frage also: „Was ist Leben?“. 

Prokaryoten: zellen ohne Zellkern, Mitochondrien und Chloroplasten

Bakterien, Cyanobakterien

"Bläschen" mit RNA/Eiweißsynthese (Vorläufer der Zellen)

Hypothetische Form

 

"Bläschen" mit einfacher Membran und primitivem Stoffwechsel

Hypothetische Form

Abgegrenzte Bläschen (Koazervate, Mikrosphären)

Experimentell simuliert

 

Makromolekulare organische Stoffe (Eiweiße, Kohlenhydrate, Fette, Nukleinsäuren)

Experimentell simuliert

Einfache organische Verbindungen (z.B. Methan, Einfachzucker)

Experimentell simuliert

Tabelle 1 : Etappen der Biogenese

Tabelle 1 stellt Etappen der Biogenese dar. Welcher Stufe man im angeführten Beispiel den Terminus „Leben“ zuordnet, ist im Grunde beliebig und bedarf des Konsens. Nicht beliebig ist Darstellung der Abfolge der Etappen der Biogenese.

Ein solcher Konsens ist oft nicht leicht zu erreichen, denn die zu treffenden Entscheidungen sind vor allem von praktischen Erwägungen und Interessen (z.B. der Zuordnung von Lehrstühlen) abhängig

Traditionelle Paradigmen vom Menschen

Das grundlegende Paradigma jeder Wissenschaft vom Menschen ist eine Antwort auf die Frage, wodurch sich Menschen von anderen Lebewesen, speziell von den Tieren unterscheidet. Damit wird festgelegt, was, welcher Gegenstand untersucht werden soll.

Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung ist stets eine gedankliche Konstruktion, durch die der wirkliche Gegenstand seine konkrete Ganzheit verliert und zu einem mehr oder weniger fragmentarischen Abbild des ursprünglichen Gegenstandes wird.

Ganz gleich, wie die Daten gewonnen werden, welche die Grundlage der Analyse dieses Gegenstandes bilden (ob durch eigene empirische Untersuchungen oder durch Auswertung empirischer Untersuchungen anderer), so muss doch vor jeder Untersuchung geklärt,  welcher Gegenstand untersucht werden soll. Das gilt um so mehr, wenn es sich um einen Gegenstand handelt, der schon längere Zeit wissenschaftlich bearbeitet wird. Diese theoretische Vorüberlegung erst ermöglicht es, dasjenige (experimentelle wie theoretische) Instrumentarium auszuwählen oder zu entwickeln, welches erforderlich ist, um eine gegenstandsadäquate Untersuchung zu gewährleisten. Geht man nämlich von einem vorhandenen Instrumentarium aus, so bestimmt dieses Art und Umfang der gewinnbaren und verallgemeinerbaren empirischen Informationen und damit den Gegenstand.

Soweit ich die Menge der vorhandenen Theorien über den Menschen übersehe, bedienen sich alle derselben Paradigmen, die ich der Einfachheit halber als „Umweltparadigma“, „Gleichartigkeitsparadigma“ und  „Teil – Ganzes – Paradigma“ bezeichne. Wie die Resultate beweisen, haben diese nicht zu den beabsichtigten Ergebnissen geführt. Wir verfügen bis heute nicht über eine einigermaßen schlüssige Theorie des Menschen. Eine Analyse des methodischen Gehalts dieser Paradigmen wird zeigen, dass diese prinzipiell zur Lösung dieser Aufgabe ungeeignet sind.

Das Teil – Ganzes - Paradigma

Ein Aspekt der Gegenstandsbestimmung ist die Bestimmung der Grundeinheit des untersuchten Gegenstandsbereichs. Diese Grundeinheit ist jenes Gebilde, das nicht in noch kleinere Einheiten zerlegt werden darf, soll es nicht die Eigenschaften des eigentlich zu untersuchenden Gegenstandes verlieren.

Zur Verdeutlichung des methodischen Gehalts dieses Aspekts der Gegenstandsbestimmung sei folgendes Beispiel angeführt: die chemischen Grundeinheiten von Wasser, die nicht weiter zerlegbar sind ohne dass sie die Eigenschaften von Wasser verlieren, sind die Wassermoleküle. Diese können natürlich weiter in Atome bzw. Ionen als kleinere Teile zerlegt werden. Dann aber haben wir kein Wasser mehr vor uns, und die Untersuchung von Wasserstoff- und Sauerstoffatomen bzw. Ionen ergibt unmittel­bar keine Erkenntnisse über die Eigenschaften des Wassers (auch wenn manche der dabei zu gewinnenden Erkenntnisse gewisse Eigenschaften des Wassers erklären können).

Übereinstimmend wird in den meisten Theorien über den Menschen das Individuum, der einzelne Mensch, als der Gegenstand der Wissenschaft vom Menschen betrachtet, und das obwohl manchmal schon erkannt wurde: Ein Mensch allein ist gar kein Mensch[ii].

Das einzelne menschliche Individuum wird dabei meist als kleinster Teil der Menschheit betrachtet, als deren unteilbare Grundeinheit. Die Gesellschaft erscheint dann als ein überindividuelles Ganzes, das mehr sein soll, als die Summe seiner Teile. Über dieses „Mehr“ streiten sich die Geister. Die Gesellschaft erscheint als überindividuelle Entität, die eigenen, außerhalb der Individuen liegenden Gesetzen unterliegt. Den Individuen steht die Gesellschaft (oft auf den Geist oder die Kultur reduziert) als meist übermächtige Kraft gegenüber. So entsteht das Bild einer Gesellschaft ohne Individuen.

Ins andere Extrem getrieben wird diese Fixierung auf das Individuum mit den Versuchen zur Schaffung „künstlicher Intelligenz“ und zur Konstruktion menschlicher Automaten. Sie gehen von der Annahme aus, das menschliche Individuum sei als isoliertes Einzelwesen zu rekonstruieren.

Das Umweltparadigma

In bezug auf das Individuum wird die aus den Individuen bestehende Gesellschaft als die soziale Umwelt der Individuen betrachtet. Dieses Paradigma beruht auf dem in der Biologie entstandenen Organismus – Umwelt – Paradigma. Danach existiert das menschliche Individuum wie alle Lebewesen in einer bestimmten Umwelt, in der es sich in einer bestimmten Weise verhält.

Das Umweltparadigma tritt in verschiedenen Formen auf. Die Umwelt wird als biotische, soziale und dualistisch als biosoziale (sowohl biotische als auch soziale) Umwelt gefasst. Die soziale Umwelt besteht aus den anderen Menschen und aus der Welt der (materiellen und geistigen) Kultur. Weitere Unterschiede bestehen in der Auffassung der Stellung des Individuums in der Umwelt. Oft wird ein Primat von Individuum oder Umwelt postuliert.

Allen dem Umweltparadigma entspringenden Betrachtungsweisen ist gemeinsam, dass sie die menschliche Gesellschaft aus den Individuen erklären wollen. Menschliche Gesellschaft entsteht durch irgend eine Art von Gesellschaftsvertrag zwischen den Individuen. Wenn man nur wüsste, wie die menschlichen Individuen „funktionieren“, dann verstünde man auch, wie die Gesellschaft „funktioniert“.

Eine charakteristische Folgerung aus diesem Paradigma ist die Idee, die Gesellschaft durch Erziehung des Nachwuchses verändern zu können. Beliebige Ereignisse, die einen Mangel unserer Gesellschaft aufdecken, rufen „Fachleute“ auf den Plan, die Schule und Familie verantwortlich machen wollen und die mit Vorschlägen aufwarten, wie das Übel bereits im Kindergarten bekämpft werden kann.

Das Gleichartigkeitsparadigma

In dieser Denkweise werden als das „Wesen“, die „Natur“ des Menschen die Eigenschaften angesehen, die alle Menschen miteinander gemeinsam haben. Dabei bleibt meist unreflektiert, welche Menschen in die Kategorie „Menschen“ aufgenommen werden sollen. Sollen alle Arten der biologischen Gattung „Homo“ (= Mensch) aufgenommen werden oder nur die Art Homo sapiens, und soll dann der Neandertaler einbezogen sein? Ist das Wesen des Menschen das, was er mit den frühen Menschen oder nur das, was er mit dem Neandertaler gemeinsam hat?

Mit Sicherheit lassen sich für alle möglichen Festlegungen des Begriffsumfangs „Mensch“ gemeinsame Merkmale finden, aber haben wir damit auch das Wesen des Menschen verstanden? Das Ergebnis dieses Herangehens ist ein weiteres unreflektiertes Paradigma, das Paradigma von der Gleichartigkeit der Menschen, ihrer Wesensgleichheit. Nachdem nur danach gesucht wurde, worin sich alle Menschen gleichen, kann natürlich nur herauskommen, dass sie gleich sind.

Aber hat man damit das „Wesen“ des Menschen begriffen? Was will man eigentlich wissen, wenn man nach dem Wesen oder der Natur des Menschen fragt? Im täglichen Leben benutzen wir gewöhnlich diesen Verweis, um bestimmte Verhaltensweisen konkreter Menschen zu erklären: So ist der Mensch eben, das liegt in der Natur des Menschen.

Das Bemühen, die allgemeinen Merkmale eines Gegenstandes aufzufinden, führt bei den sich entwickelnden Gegenständen folgerichtig dazu, dass die Gemeinsamkeiten von primitiven und entwickelten Gegenständen herausgearbeitet werden. Das aber hat nicht selten zur Folge, dass gerade die Spezifik des entwickelten Gegenstandes verloren geht; denn gemeinsam kann solchen Gegenständen nur das sein, was bereits bei den primitiven Formen gegeben ist.

Charakteristisch für dieses Paradigma ist also, dass das „Wesen“, die „Natur“ des Menschen ahistorisch als unveränderlich angesehen wird, das seit der Entstehung des Menschen, des menschlichen Individuums  unverändert geblieben ist. Verändert hat sich die Umwelt des Menschen, die Natur, die ihn umgibt  und die Kultur, in der er lebt. Er selbst, sein Wesen haben diese Veränderungen unverändert überstanden. Verändert hat sich nur die Kultur, der eine überindividuelle Existenz zugeschrieben wird. In der evolutionären Erkenntnistheorie werden schließlich so schnelle Veränderungen der Kultur postuliert, dass das menschliche Individuum sich schließlich nicht mehr an seine Kultur anpassen kann[iii].

Resümee

Obwohl das Umweltparadigma und das Teil – Ganzes – Paradigma in der Regel gemeinsam vorkommen, bleibt der Umstand unreflektiert, dass sie logisch unverträglich sind. Wenn die Gesellschaft die Umwelt der Individuen ist, dann können diese nicht zugleich deren Teile sein. Solange man sich aber im Umweltparadigma bewegt, ist die folgende Frage überhaupt nicht formulierbar: „Wenn die Gesellschaft aber nicht die Umwelt der Individuen ist, was ist sie dann?“ Da aber die Frage nicht formulierbar ist, kann auch keine Antwort auf diese Frage gefunden werden.

Das Gleichartigkeitsparadigma ist dagegen mit der Idee, dass sich die Menschen sich auch nach ihrer Entstehung entwickelt haben könnten, unverträglich. Eine Evolution der menschlichen Individuen wird von diesem Paradigma ausgeschlossen. Menschliche Geschichte erscheint so wieder als überindividuelles Geschehen, die Gesellschaft entwickelt sich ohne Individuen.

Zusammenfassend muss man also feststellen, dass die bisher dargelegten Paradigmen schon wegen ihrer logischen Widersprüchlichkeit zur Erforschung des menschlichen Individuums prinzipiell ungeeignet sind.

Natürlich werden auch noch andere als die aufgeführten Bestimmungen der Beziehung Gesellschaft – Individuum genannt. In keiner Arbeit werden diese jedoch als grundlegendes Paradigma betrachtet, auf dem das jeweilige wissenschaftlichen System aufbaut.

Ein neues Paradigma: das Sozialparadigma

Die Grundidee des von mir als grundlegend anzusehenden Paradigmas ist eine Erkenntnis, die eigentlich so alt ist wie die Soziologie. Es ist die Erkenntnis, dass der Mensch, das menschliche Individuum nur in Gesellschaft existieren kann. Obwohl diese Erkenntnis fast schon trivial ist, - oder vielleicht auch deswegen - , wurde sie noch nie als grundlegendes Paradigma angenommen.

Tut man das, könnet es etwa wie folgt lauten: „Die Grundeinheit der Kategorie ’Mensch’, die nicht in kleinere Einheiten zerlegt werden kann, ohne dass das Wesen dieser Kategorie verloren geht, ist nicht das menschliche Individuum, sondern die menschliche Gesellschaft.“ Die Frage nach der Stellung der Individuen würde dann so beantwortet werden: Die Individuen sind Mitglieder der Gesellschaft. Die Kategorien „Gesellschaft“ und „Mitglied“ können nicht isoliert voneinander gedacht werden. Eine Gesellschaft ohne Mitglieder ist ebenso undenkbar wie ein Mitglied ohne Gesellschaft.

Die Verwendung des Terminus „menschliche Gesellschaft“ für den gemeinten Gegenstand kann natürlich wegen seiner Vieldeutigkeit Quelle verschiedenster Missverständnisse sein. Aber das gilt für alle anderen möglichen Synonyme auch. Ausdrücke wie

bullet

Clique

bullet

Crew

bullet

Equipe

bullet

Kollektiv

bullet

Schar

bullet

Team

bullet

Trupp

sind in spezieller Weise definiert oder ideologisch belastet. Am nächsten kommt der von mir gedachten Bedeutung der Ausdruck „Kollektiv“ als Gemeinschaft von Menschen mit einem gemeinsamen Ziel. Mit dieser Bedeutung werden die Ausdrücke „Gesellschaft“ und „gesellschaftlich“ auch häufig in der natürlichen Sprache verwendet. „Menschliche Gesellschaft“ meint also jede Form menschlichen Zusammenlebens, das auf mindestens ein gemeinsame Ziel gerichtet ist.

Die Eigenschaften der menschlichen Individuen kommen ihnen nur durch ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft zu. Isoliert, außerhalb von Gesellschaft haben Individuen diese Eigenschaften ebenso wenig wie die chemischen Elemente Sauerstoff und Wasserstoff außerhalb von Wasser. Freier Sauerstoff und freier Wasserstoff haben eben andere Eigenschaften als in im Wasser gebundener Form. Mensch wird in diesem Paradigma das Individuum nur durch seine Mitgliedschaft in einer Gesellschaft.

Was ist dadurch gewonnen? Diese Frage kann nur beantwortet werden, indem dieser Ansatz möglichst vollständig ausgeführt und so der erforderliche Begriffapparat und das entsprechende Vokabular entwickelt wird. Begriffe und Sprache der traditionellen Wissenschaften vom Menschen sind dazu ungeeignet. Hier können nur einige Gedanken in Bezug auf die dargestellten traditionellen Paradigmen dargestellt werden.

Zunächst ist dadurch der Widerspruch zwischen dem Umweltparadigma und dem Teil – Ganzes – Paradigma aufgelöst. Der zu untersuchende Gegenstand ist die Gesellschaft, deren Umwelt die Natur ist. Das Individuum ist in der Gesellschaft „aufgehoben“. Das isolierte ("freie") menschliche Individuum wird erst Mensch als Mitglied der Gesellschaft.

Damit ist der Gegenstand von Anfang an historisch gefasst. Als Mitglied der Gesellschaft reproduziert das menschliche Individuum die gesamte Entwicklung der seiner Gesellschaft. Unveränderlich kann ggf. nur das isolierte Individuum als biologischer Träger des sozialen angesehen werden. Als Mensch, d. h als Mitglied einer Gesellschaft, ist das Individuum in dieser Sicht eine historische, sich entwickelnde Entität.

Damit ist auch das Gleichartigkeitsparadigma aufgelöst. Es trifft nur auf isolierte Individuen und in dem Maße zu, in dem diese der gleichen biologischen Art angehören.

Natürlich ist die Erkenntnis, dass Menschen Mitglieder von Gemeinschaften sind, weder neu noch originell. Neu ist die Idee, dass dies das Wesen des Menschen maßgeblich bestimmen könnte. Neu ist auch der Versuch, diese Erkenntnis zur Grundlage einer Theorie des Menschen zu machen.

Schlussbemerkung

Dieses Paradigma lässt sich auch nicht in die üblichen Wissenschaften Anthropologie und Soziologie einordnen. In beiden sind die genannten traditionellen Paradigmen verbreitet. Ich möchte es auch nicht der Philosophie zuordnen, denn sowohl die traditionelle wie die gegenwärtige Philosophie befasst sich mehr mit dem, was der Mensch sein soll, statt damit, was er wirklich ist.

Ich gebe zu, dass die aus diesem Paradigma folgende diese Denkweise gewöhnungsbedürftig ist, aber das sind alle neuen Denkweisen, sonst wären sie ja nicht neu. Ob sie als Paradigma taugt, kann nur ermittelt werden, indem auf ihren Grundlage eine Theorie des Menschen aufgebaut wird. Wer das wissen will, der muss dem Weg der Gedanken folgen, auf dem diese Theorie entstehen soll. Anders geht es nicht.

 
     

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© Dr. G. Litsche 2001
Letzte Bearbeitung: 23.04.2010